Rückblick eines Narren

 

Aus den Anfangsjahren des Narrenvereins nach dem zweiten Weltkrieg
berichtet der langjährige Betriebsleiter und Vizepräsident

Herbert Koch als „Augenzeuge":

Wie hat's denn nach dem Krieg wieder angefangen? Genau weiß ich es nicht mehr. Ich weiß nur noch, das mich das Wort Fasnacht faszinierte, ich innerlich unruhig wurde, und das „Vernünftige", bzw. das, was andere als vernünftig bezeichneten, in den Hintergrund trat. Auf der Ergat sei was los. Also suchte man in dem damals noch recht ergiebigen Speicher nach einem passenden Maschgerehäs, wobei man damals noch nicht so „hoeklich" war, und begab sich zum Festplatz. Es waren noch ein paar Leute da, aber der gesittete Bürger ging am Werktag nicht zur Fasnacht, denn man hatte zu tun.

 

 Oben beim Friseur Vögtle befand sich ein Gestell, von wo aus Välli die Narren begrüßte, bis er heiser war... Das ging meistens ziemlich schnell und hielt auch über die Fasnacht an. Milchereugen verlas das Narrenbuch, womit die Hauptpersonen erwähnt und die Aktivitäten ziemlich erschöpft wären. Zu erwähnen ist noch Frau Schieß, welche unter Begleitung einer Orgel Moritaten über die Reichenauer Oberschicht bekannt gab, welche bei den Betroffenen jedoch meistens Ärger erregten.

Doch es gab noch mehr mit Narrenblut, und langsam kam die Fasnacht wieder in Fahrt. Die Narren wurden aufgefordert, etwas zu machen, und man solle sich beim Milchereugen anmelden. Ich suchte ein paar Gleichgesinnte zusammen, und wir machten eine Berner Fußballmannschaft, mit einem großen Ball und alles ganz langsam. Die Idee dafür hatte ich noch in Erinnerung von einer Fasnacht vor dem Krieg, welche ich als kleiner Bub gesehen hatte, die mich damals schon begeisterte. Ich meldete unsere Gruppe bei Eugen an, ich glaube, es waren noch 4 oder 5 andere und Eugen vergaß uns. Er entschuldigte sich zwar, aber für mich war es ein Weltuntergang. Wir hatten geprobt, genäht, gebastelt, uns gefreut und alles umsonst. Dieses Erlebnis hat sich bei mir so eingeprägt, dass ich später als Betriebsleiter danach strebte, ob Jung ob Alt, ob das Dargebotene eine Besonderheit oder ganz einfach war, ja niemanden zu vergessen, denn jeder gibt immer sein Bestes, macht sich viel Mühe und freut sich drauf, sein Werk zu zeigen.

Langsam gab es auch wieder eine Art Elferrat,welcher jedoch noch nicht so organisiert auftrat. Josef Bernhard, kann ich mich erinnern, war zwar, wie er sagte, kein großer Narr, aber ein großer Förderer der Fasnacht. Man achtete auch darauf, Geschäftsleute in den Elfer zu nehmen, welche ein paar Mark mehr in der Tasche hatten, zumal die Narren damals der Meinung waren, die Elfer müssten ihnen bei jeder Gelegenheit einen ausgeben. Es gab aus diesem Grund auch viel Wechsel, und meist waren es nur sechs oder sieben Elfer.

 

Välli war fest entschlossen, diesem Missstand abzuhelfen: An einem Sonntag schaute er zum Fenster hinaus und eröffnete jedem, der an seinem Haus vorbei ging: „Du bist jetzt ein Elfer." Obwohl es nicht lauter Narren waren, ergab sich ein ganz ordentlicher Elferrat. Välli war auch sehr bemüht um die Fasnacht und opferte viel Zeit. Mit der Bürokratie lebte er allerdings etwas auf dem Kriegsfuß, und die eingegangene Narrenpost öffnete er meist erst nach der Fasnacht.

 

Auch mit den Finanzen stand es nicht zum Besten, und so beschlossen die Elfer, selber bei den Leuten zu kassieren. Man hatte damals noch keine so noblen Häuser. Ob aber alle Freude hatten, wenn die Elfer in Gummistiefeln quer durch die Felder antrabten, lassen wir offen. Ein Holder Einachser wurde flott gemacht, eine Dreimann-Musik besorgt, wobei ich Akkordeon spielen durfte, und los ging's, drei Tage lang. Mein Vater, zwar selber Fasnachtsbegeisterter, stellte jedenfalls fest: „Me hed sovill Arbed, aber der Siech isch dauernd furd." Dies sollte allerdings die nächsten vierzig Jahre so bleiben...

Zaghaft überlegte man, einen Bunten Abend zu veranstalten. Interessierte wurden eingeladen, und da mich alles interessierte, was mit Fasnacht zu tun hatte, war ich natürlich auch anwesend. Es wurde überlegt, diskutiert, wobei auch die Meinung vertreten wurde, dass ein guter Ansager wichtig war. Man solle ein paar Mark investieren und Werner Knuth, damals eine bekannte Persönlichkeit in Konstanz, holen. Trotz meiner mir damals eigenen Schüchternheit meldete ich mich zu Wort und machte das Angebot, dass ich die Ansage übernehmen könnte. Da sowieso der größte Teil der Anwesenden der Meinung war, dass man den Bunten Abend mit Reichenauern machen müsse, bekam ich den Zuschlag.

Der Abend im „Mohren" kam, und ich legte ganz gut los. Doch bald merkte ich, wie lange so ein Abend ist (er ging damals auch schon bis ein Uhr), und mir ging der Stoff aus. Ich berichtete über das Wetter, über Hühneraugen der Mitwirkenden und kratzte meine letzten Witze zusammen. Die Ansprüche waren noch nicht so hoch geschraubt, und das Publikum war begeistert.. Jedenfalls hatte ich gelernt, dass guter Blödsinn eine ernste Sache ist, hinter der viel Arbeit stecken kann.

Der Bunte Abend zündete, glaub ich, bei vielen Älteren und auch Jungen den Narrenfunken. Auf der Ergat gab es viel mehr Leben. Max Stengele inspirierte eine bei ihm heimische Clique (Erhard Spicker, Walter Blum, Bemo Beck, Arnold Welte und Stengeles Karli), eine Schaukel zu bauen. Ein paar Balken, ein paar Salatzornen und ein paar Seile, die Schiffschaukel war fertig und erfreute sich größter Beliebtheit. Die ein Jahr später gebaute Rutsche endete allerdings tragisch. Hermann Bärthele rutschte so unglücklich herunter, dass er mit einer Wirbelverletzung monatelang im Krankenhaus lag. Nur der Toleranz von Hermann war es zu verdanken, dass die Betreiber nicht für die ganzen Kosten aufkommen mussten, für die damalige Zeit immense Beträge.

Man wurde nun vorsichtig und schloss Versicherungen ab, aber dazu brauchte man Geld. Die Narren wurden aufgerufen, für den Narrenverein als Kassiere tätig zu sein. Euseb und ich kassierten auch. Damals ging man nur zu zweit. Wir lernten ein paar Lieder zur Gitarre. Die Leute freuten sich, wenn wir kamen, und wir machten gute Geschäfte. Ein paar Tage gingen schon drauf. Damals war die Jugend abends noch beim Schlitteln, und so sangen wir einmal auf Meßmers Gasse bis Mitternacht unsere närrischen Lieder. Natürlich ging es schon damals nicht ganz ohne geistige Getränke. Wir bauten auch schon damals fasnachtliche Fahrzeuge ohne Motorantrieb. Einmal, als wir zu Josef zum Abrechnen wollten, versagte die Lenkung auf der Burg, und wir landeten kopfüber im Klostergarten. Es war vermutlich ein ziemlich originelles Bild, als wir nachts um zehn Uhr bei Taschenlampenschein das Geld aus den Schollen grübelten. Ein anderes Erlebnis blieb aber noch mehr haften, und ich verurteile dies auch noch heute. Froher Laune und frisch geschminkt begannen wir schon vormittags mit dem Kassieren. Wir hatten ein großes Pensum vor uns. Wedeles Baptist war der erste Kunde, und er war gerade am Schnapsbrennen. "Selbstverständich bekommt ihr was, aber zuerst müsst ihr einen Schnaps trinken." Das kam uns an sich nicht ganz ungelegen doch Baptist machte jedem ein Vierteleglas halb voll. Er klang so bestimmt, dass wir das Glas artig leer tranken. Doch für unser zartes Alter war es absolut zu viel. Wir waren stock besoffen und mussten nach Hause. Es war ein trauriger Tag....

Langsam wurde die Fasnacht hoffähig. Wurde man bis dahin ausgelacht, wenn man zur Fasnacht ging, machte nun sogar die Bürgermusik mit. Eigentlich war es Max Stengele, welcher das Große vollbrachte, indem er die Narren zum ersten großen Umzug „Königinnen" aufrief. Da ja fast in jedem Haus ein Fahrzeug stand, fand der Aufruf rege Resonanz. Nahezu vierzig Wagen kamen zusammen. Am Schluss wurden auf einem Podium alle Königinnen vorgestellt. Max Stengele kam als Professor der Fasnachstologie. Auf einer Tafel standen die lateinischen Buchstaben: H P D M , welche er als die Grundsätze der Fasnacht darstellte. Nach längeren geistig hochstehenden Worten teilte er dem Volk mit, dass dies folgenden Inhalt habe:

H Heb sie mal

P Pack sie mal

D Druck sie mal

M maximal.

Ein Leitspruch für die Fasnacht war geboren, welcher wohl auch heute noch gilt. Der ganze Festakt musste ohne Mikrofon stattfinden. In dieser Fasnacht wurden die ersten Grundeleorden mit blauem Blätz verliehen.

Auf Grund meiner Fähigkeiten berief mich Josef „Jumbo" Blum, welcher als großer Idealist und Förderer der Reichenauer Fasnacht Betriebsleiter, Schriftführer, Kassier und Mädchen für alles war, in den Elferrat. Bei den Sitzungen waren wir meistens drei oder vier, selten fünf, da die anderen wichtigeres zu tun hatten. Mich ärgerte das, und mein Eigensinn brach durch: Entweder — Oder.... Nach und nach wurde der Elferrat umgekrempelt und durch Narren ersetzt. Ein Karussell wurde gebaut und in Betrieb genommen. Es gab Ärger mit den beruflichen Schaustellern, welche uns den Betrieb verbieten wollten. In solchen Fällen ließ dann Leuenwirts Karle, welcher auch sehr aktiv war, seine Beziehungen spielen. In der Bootswerft Beck wurde eine große Grundel gebaut. Um die Leute auf der Ergat zu halten, wurden von Narrenverein Buden betrieben, nicht ganz zur Freude der Wirte. Ernst Haas war ein gutmütiger Weinstandwirt. Seinem spendablen Herzen hatte mancher Narr einen Glühwein zu verdanken, was sich bei der Abrechnung auf den Gewinn allerdings ziemlich negativ auswirkte. Die Finanzierung blieb nun hauptsächlich dem Wurststand überlassen, welcher Ernst Heckmann ehrgeizig und gewissenhaft betrieb. Engelbert hoffte mit seinem Schnapsstand mehr auf kalte Tage, und so' wurstelte man sich durch die Finanzen.Der Elferrat stabilisierte sich zusehends, und man ging nun, da man närrisch anerkannt war, das Rathaus zu stürmen und die Schüler zu befreien. Große Freude über unser Erscheinen gab es stets im Kindergarten, obwohl die Kinder enttäuscht waren, dass wir nicht im Elferkostüm kamen. Wir machten am Schmutzigen Donnerstag immer irgend etwas Aktuelles: Cowboys, Naturschützer, Italiener usw.

Um diese Zeit machte auch Baptist Beck den ersten Weckerwagen. Schaurige Kostüme, ein altes Auto, welches einen Haufen Blech hinter sich her zog. Nicht alle waren begeistert, doch niemand ahnte, dass sich dieser Brauch zum Renner Nr. 1 entwickeln sollte.

Manches gäbe es noch von alten Originalen zu berichten. Vom Fähnrich Salzkarli, vom „Osk" im Häfelishof, welcher bei Kältegraden hoch zu Roß fast „Oben Ohne" zum Festplatz ritt. Vom Milchereugen, der täglich morgens um halb sechs Uhr die Milch zusammenführen mußte, obwohl er selten vor drei Uhr ins Bett ging. Mit einem offenen Auge sei er die Pappeln entlang gefahren, berichtete er, und pudelnüchtern... Vom Original Välli, dem wir einmal beim Aufbau der Ergat die Servela, statt ins Senfglas, ins das schöne gelbe Konsistenzfett tunkten, dass ihm zwei Tage lang schlecht war. Und vom Vermächtnis des Pfalzwirtes, dass er und seine Nachfolger uns am Aschermittwoch zum Herings-essen einlade. Oder von. den Gewitterwolken, die über den so soliden Elfern schwebten, als sie nach der Schulbefreiung mit den jungen Lehrerinnen in der Grundel über die Insel fuhren... Aber das wollte ich ja nicht mehr aufrühren.

Man kann auch ein paar Elfersitzungen erwähnen, von denen man fast bewusstlos heraus kam, wenn man neben Milchereugen und Ernst Heckmann saß, welche paffend die Sicht versperrten. Zündstoff gab es immer bei der Ordensverleihung, dass die Funken stoben, oder wenn die Budenpreise erhöht werden sollten. Ein etwas gestörtes Verhältnis zwischen Leuenwirt und Milchereugen entstand, als letzterer eröffnete, er werde eine Fischerstube aufmachen. Ob man Orden in Oberammergau oder weiterhin bei Vögtle schnitzen lassen wolle, obwohl dieser mit den Lieferterminen meist in Verzug war, war lange ein heißes Thema. Rupert missfiel vor allem, wenn die Musik bei einem Umzug nicht mit wollte. Die Unsitte, drei Stunden zu debattieren, von wo man Einladungen annehmen oder absagen soll, löste letztendlich allgemein Ärger aus, weil für die Reichenauer Fasnacht keine Zeit mehr blieb. Manchmal stoben Funken. Aber die schönen Zeiten überwogen bei weitem, vor allem, wenn bei einem Achtele wieder ein Glattstrich gemacht wurde.

Großen Stellenwert hatten damals auch die Fasnachtsbälle. Ich erinnere mich noch an den ersten Fasnachtsball, an dem ich musizieren durfte. Ich spielte damals Geige, ohne Mikrofon, mit der sogenannten Siebenmann-Tanzmusik (Isi Gasser, Sunnewürts Franz, Karli Ruf, Reinhards Helmut, Zensor Handli, Stengeles Helmut und ich). Wir spielten am Feuerwehrball umsonst, aber wir durften unsere Frauen und Bräute mitbringen. Ganz am Anfang brachte jeder noch eine Tasche mit, in welcher Essen und Getränke drin waren, was sich aber mit der Einführung der D-Mark änderte. Schnell bekamen auch die Bälle allgemein einen hohen Stellenwert. Jeder Wirt machte mindestens einen Hausball oder ein Kaffeekränzchen. Als Tanzmusiker lag die Gage pro Stunde bei 2,50 DM. (Für eine Hochzeit von morgens 11:00 Uhr, mit Suppentour, bis nachts um 12:00 Uhr verlangten wir damals 15 DM.) Natürlich besannen sich die Vereine auch wieder auf diese Tradition, und so war jedes Wochenende und an jedem Fasnachtsabend ein Ball. Am Anfang hat der Gesangverein, in Frack und Zylinder, seine Mitglieder sogar noch persönlich eingeladen. Es war Ehrensache, dass auch die Elfer mit ihren Frauen kamen, was vor allem in der Fasnacht sehr strapaziös war, da wir bis bald in die Nacht hinein in den Buden arbeiten mussten. Zudem wollte man ja ballgerecht gekleidet sein. Es kam auch öfters vor, dass für 20 Elfer mit Frauen nur 10 Plätze zur Verfügung standen, welches dann den familiären Frieden nicht sonderlich förderte. Es war auch zur Tradition geworden, dass die Elfer am Musikball einen Auftritt machten, als Gegenleistung dafür, dass die Musik an Fasnacht mitwirkte. Der Musikball war immer am Fasnachtssonntag, und meistens hatte man schon etwas inhaliert. Teilweise machten wir ganz gute Auftritte, aber manchmal waren Konzentrationsmängel nicht zu übersehen Doch es waren schöne Jahre, und vor allem auch das „Maschgere goh" war in.

Bald merkten die Gastwirte, dass in der Fasnacht leicht Geld zu verdienen sei, und es wurden Bars gebaut. Nicht gewöhnliche Bars, sondern mit Separees usw., wobei die Kellerbar im Bären absolut der Renner war. Wir spielten damals schon zu viert: Schneider Bernd, Flacker Karli, Mundli und ich. Uns machte es Spaß, und gegen zehn Uhr hatten wir meist eine tolle Stimmung. Doch dann verschwanden. die ersten in der Bar, meist paarweise, jedoch nicht in „Originalbesetzung". Der Rest blieb zurück. Die Stimmung war dahin. Es gab Streitigkeiten, Missstimmungen, die sich teilweise noch bis nach der Fasnacht fortsetzten. Bestimmt war es mit ein Grund, warum die Bälle einschliefen, obwohl sich die Vereine alle Mühe gaben, diese zu erhalten und zum Teil tolle Programme hinlegten.

Die Fasnacht verlagerte sich mehr auf die Straße, und im Gegensatz zu den Bällen konnten nun alle mitmachen, jung und alt und sie war auch eher finanzierbar. Die Vereinsbuden wurden ausgebaut, um die Leute auf der Ergat zu halten, und es wurden richtige Fasnachtsprogramme gestaltet. Mancher junge Narr, sogar aus dem Kindergarten, machte hier seinen ersten Auftritt und wurde später eine Narrenkapazität.

Der Grundsatz, dass man an Fasnacht nicht auswärts ging, wurde nur einmal gebrochen, als die Wollmatinger Jubiläum hatten. Als wir dann am Montag unser Programm abwickeln wollten (es war die erste große Fernsehschau vor der Genossenschaftshalle), hatten wir Sauwetter. Nie mehr gingen wir auswärts.

Was auf der Reichenau fehlte, war ein eigener Narrenmarsch. Und die Komposition hängt eng mit dem Bau der Beregnungsanlage der Genossenschaft zusammen. Franz Wurz (Sunnewürts Franz), damals Dirigent der Bürgermusik, nicht unbedingt ein Fasnachtsfanatiker und ich standen ziemlich lustlos im Lehm beim Farrenstall. Wir hatten die Aufgabe, den Graben auf die erforderliche Tiefe von mindestens 80 Zentimeter auszuheben. Dabei kamen wir auch auf das Fehlen eines Narrenmarsches zu sprechen. Ich versprach, mir Gedanken zu machen und legte ihm einige Tage später mein Manuskript vor. Franz meinte: „Ganz ordentlich, aber am Schluss fehlt noch etwas Fröhliches. Aber lass nur, das mach' ich noch." Und so entstand das Gemeinschaftswerk. Max Stengele, welcher bei mir und auch bei den anderen Reichenauer Narren sehr hoch im Kurs stand, meinte noch, ich solle den Text ändern und statt „Ich schieß d'r uff de Kopf" „Ich pfief d'r uff de Kopf" schreiben. Für mich war dies aber ein original Reichenauer Ausdruck, und ich behielt diesen eigensinnigerweise bei.

Die Fasnacht entwickelte sich weiter. Auch „bessere Leute" machten mit. Marianne Roser fand, dass es auf der Reichenau an einem originellen Kostüm fehle, welches für uns typisch sei und das Narrenleben beflügeln solle. Ich selbst war dagegen, weil ich befürchtete, dass dann der Einfachheit halber jeder sein Kostüm anziehe und damit herumlaufe und die Narretei zu kurz komme. Die Idee mit dem Grundelekostüm wurde aber trotzdem weiter verfolgt Erhard Vögtle konnte gewonnen werden, eine Maske, einen Fischkopf zu schnitzen, und so wurde im Jahre 1960 von Bertram Wehrle das erste Grundelkostüm vorgeführt. Ich hatte zu diesem Ereignis das Grundelelied komponiert, wobei mir meine Frau sogar noch beim Texten half. Auch erforschte ich damals wissenschaftlich, wie der Name Grundel entstanden ist, was man allerdings nicht allzu ernst nehmen soll.

Durch die ins Leben gerufene Grundelelotterie vermehrten sich die Grundele munter. Auch die Prinzengarde führte ein berechtigtes Dasein. Bei närrischen Empfängen, Anlässen usw. war sie und ihr Prinz Karneval (Hermann Uricher) nicht wegzudenken. Es herrschte zwischen den Balletts der beiden Gruppen allerdings ein harter Konkurrenzkampf. Wer z. B. bei Bällen oder Bunten Abenden als erste Gruppe auftreten durfte, erforderte manchmal diplomatische Verhandlungen und salomonische Urteile.

Nach dem Hermann Uricher als Prinz Karneval in den Ruhestand gegangen war, wurde die Prinzengarde in die Nixenschar umgewandelt, sehr zum Bedauern derer, welche an den strammen Beinchen der Mädchen ihre Freude hatten. Walter Sutor konnte als Neptun gewonnen werden. Er war mit seinen vielseitigen Talenten der ideale Häuptling der Gruppe. Selbst Kritiker mussten zugeben, dass die schmucken Kostüme der Nixengarde wesentlich besser zu der Reichenauer und auch allgemein zur süddeutschen Fasnacht passten. Zwischendurch wurde dann auch noch ein Fanfarenzug ins Leben gerufen und 1968 auf dem Festplatz getauft.

Das Problem war, dass im Fanfarenzug die besten Narren vereint waren. Als ich ihnen nun verbot, an Fasnachtssonntag und — montag aufzutreten, weil wir genug Musik hätten, gab es großen Protest und Streikdrohungen. Nach und nach sahen aber alle ein, dass der Fanfarenzug mit Musikmachen nicht ausgelastet war, und seine Auftritte als Fasnachtsgruppe waren immer ein Höhepunkt der Fasnacht. So gäb' es noch vieles von den schönen Programmen zu berichten. Zum Beispiel vom Raketenstart, als Hunderte mit den Taschentüchern winkten, und die Musik „Muss i denn zum Städtele hinaus" spielte, bevor die Rakete abhob.... oder vom wohl größten und schönsten Umzug „Vergessenes Inselleben", als die „Schaffhausen" gebaut wurde und der Großherzog auf dem Festplatz weilte usw. Leider war es auch ein Umzug, bei dem sich viele ältere Reichenauer aus der aktiven Fasnacht verabschiedeten.

1994 ist wieder Jubiläum, vor 25 Jahren war ich der Betriebsleiter. Monatelang wurde geplant, organisiert, die Leute animiert, und es war wohl kaum ein Reichenauer, der nicht in irgend einer Form mitwirkte. Die Nerven der Elfer lagen ziemlich flach. Die Nacht vor dem Umzug ging ich noch "etwas" ins Bett. Ich hörte den Schneesturm und die Fenster pfeifen und dachte an die vielen Narren, die monatelang gebastelt und gewerkelt hatten, um ihre Wagen zu bauen, Kostüme zu nähen usw. Etwa 60 Gruppen hatten sich von auswärts angemeldet..., konnte der Umzug überhaupt stattfinden??? Morgens, Schneesturm, über zehn Grad Kälte... doch alle machten mit. Kinder wurden vorgewärmt, mit Bettflaschen warmgehalten. Hinter Häusern wurde Schutz gesucht. Die großen Narren verabreichten sich heiße Getränke. Und wie sah es mit den Zuschauern aus? Alle kamen in letzter Minute. Beim Kindlebild war Chaos, parkende Autos verstopften den Umzugsweg, zumal ein Teil der Polizei beim Bimbi saß und Glühwein trank. Der Umzug fand statt, es war ein Mammuttreffen, und es lief nicht alles nach Wunsch, da auch die Elfer, anstatt zu organisieren, in der Grundel mitfahren mussten. Und wie immer, wenn etwas schief ging, durfte ich dieses ausfressen, eine Gepflogenheit, die sich bis hin zu anonymen Briefen steigerte. Und so blieb halt, zumindest bei mir, von dem großen Ereignis ein bitterer Nachgeschmack.

1994 Jubiläumsfasnacht, 100 Jahre Grundel — eine lange Zeit mit vielen Turbulenzen — ein Erlebnis, das allen in Erinnerung bleibt, nicht nur, weil Petrus wohlgesinnt mitgemacht hat.

Was ich da so zusammengeschrieben habe, ist wohl schriftstellerisch keine Meisterleistung. Es ist aus der Erinnerung geschrieben, vielleicht sogar mal etwas durcheinander gebracht. Aber es beinhaltet auch, wie in 50 Jahren aus dem Nichts ein Volksfest entstanden ist. Hoffentlich bleibt es so. Fasnacht machen ist eigentlich zuerst mal ein Stück harter Arbeit, welche aber auch Spaß machen kann. Jeder echte Narr kennt die Zusammenkünfte, bei denen geplant, studiert, verworfen und auch einmal kräftig gestritten wird. Aber eine gelungene Fasnacht entschädigt bestimmt für all diese Mühen. Geld spielt sicher eine Rolle. Aber mit guten Ideen lässt sich auch heute noch mit wenig Mitteln etwas machen. Was allerdings langsam fehlt, sind die großen alten Speicher, in denen Generationen ihre Klamotten hinterlegt hatten. Zeit hat man, glaube ich, mehr, als wir es hatten. Die Frage ist bei manchen, ob von dieser Freizeit für die Fasnacht etwas übrig bleibt. Fasnacht spielt sich heute mehr in großen Gruppen ab, es fehlen etwas die närrischen Einzelexemplare, die zum Teil bis ins hohe Alter mitmachten. Andere empfahlen sich schon als kleine Narren auf der Festplatzbühne für kommende Aufgaben, z. B. unser jetziger Betriebsleiter Karl Wehrle, der schon im Alter von elf Jahren mit seinem Vortrag als „Kretzer" auffiel. Fasnacht machen heißt halt nicht nur, ein farbiges Hemd anzuziehen, sich volllaufen zu lassen und „Ho Narro" zu rufen. Fasnacht ist, mit Witz, Humor und Originalität sich selber und anderen eine Freude zu machen. Auch das „Maschgere goh" sollte man nicht ganz untergehen lassen. Fasnacht ist wie eine Kur. Man ist ein paar Tage lang ein anderer Mensch, lebt in einer anderen Welt und verdrängt Sorgen und Probleme: Leute kommen zusammen, welche sich das Jahr über fremd sind. Es entstehen Freundschaften, Ehen werden gegründet, und manchmal ist alles wie eine große Familie.

Richtig Fasnacht ist jedoch nur, wenn man selber mitmacht... und sei es auch nur ein ganz klein wenig.

Es lohnt sich, diesen Brauch zu erhalten.

Häberle